Die Verschränkung von Raum-Körper und Körper-Raum ist neben Massigkeit, Instabilität und Labilität ein weiterer Aspekt, der an dem neuen Material besonders fasziniert.
Die Künstlerin verleiht dem scheinbar wertlosen Material auf diese Weise eine neue Wertigkeit und Bedeutung und konfrontiert uns zugleich mit seiner gewohnten Konnotation. Im Zeitalter zunehmender Virtualität rückt Anne Wodtcke mit ihren temporären Skulpturen und performativen Interventionen auch den Körper wieder in unser Bewusstsein. Neben der `Rückführung der Skulptur ins Menschliche´ ergeben sich somit in Anne Wodtckes aktuellen Arbeiten vielfältige Bezüge zu gegenwärtigen kulturellen Phänomenen: visueller Konsum und reduzierte Wahrnehmung, Virtualität und Entwertung, Dinghaftigkeit und Körperlichkeit werden kritisch reflektiert.
Zusammen mit der Münchner Performerin und Sprecherin Ruth Geiersberger
(www.verrichtungen.de) richtet Anne Wodtcke während der Eröffnung ihrer Ausstellung am 5. März 2010 die performative Installation `how long (is) now ?´ in den Galerieräumen aus. Ruth Geiersberger liest dazu verschiedene Textauszüge (u.a. aus Heideggers „Der Begriff der Zeit“) und tritt dabei über das Geräuschhafte von Luft und Wort mit Anne Wodtcke in Kontakt... die einzelnen Elemente verdichten sich zu einer umfassenden KÖRPER-LAUT- SKULPTUR.
Ruth Geiersberger bezeichnet ihre Arbeiten als „Verrichtungen“ und erkundet seit Jahren als „Feldforscherin“ Orte, die sich in einem sogenannten "Wartezustand" befinden: an Bahnhöfen, auf Baustellen, im Bunker, in Kirchen, in leerstehenden Läden oder im Zoo... Dabei thematisiert sie insbesondere die Herstellung von Idyllen aber zugleich auch deren Ent-tarnung, Verlust und Absturz.
Interessanterweise zählen Performances, oder besser gesagt performative Phänomene zum Forschungsfeld von Sozial- und Kulturwissenschaftlern. Medial können sie an den Schnittstellen zwischen Privatem und Öffentlichem, Kunst und Leben, Visuellem und Auditivem sowie zwischen den Gattungen Theater, Tanz, Musik, aber auch politischer Aktion, rituellen Praktiken, Neuen Medien und Digitaler Kunst verortet werden. In der bildenden Kunst wird zudem unterschieden zwischen Performance, Aktionskunst und Happening. Dabei, so schreibt Rudolf Frieblig in seinem wegweisendem Essay „Real/Medial: Hybride Prozesse zwischen Kunst und Leben“, sind "die Grenzen zu raumbezogenen Installationen und interaktiven Environments (...) durchlässig, doch in den neueren Aktionen, die den Körper als Handlungsfeld telematischer und netzbasierter Interventionen positionieren, könnte möglicherweise gerade das Insistieren auf der Realität des Körpers ein zentrales Motiv sein." (Quelle: http://www.mediaartnet.org/themen/medienkunst_im_ueberblick/performance)
Derzeit ist zu beobachten, dass die „Blütezeit“ der Performance in den 60er und 70er Jahren zunehmend musealisiert wird und die gegenwärtigen internationalen Strömungen dieser Kunstform mit ihren multiplen Zentren u.a. in Amerika, Deutschland, Asien und der Schweiz im Hinblick auf Inhalte und Strategien immer komplexer werden. Das Berliner Festival „In Transit“ hat sich längst etabliert, in New York fand 2009 erstmals die Biennale „Performa09“ statt. Im Hamburg wird der Studiengang „Master of Arts Performance Studies“ angeboten. Des Weiteren gibt es Netzwerke und Veranstaltungsorte wie z. B. „De Appel“ in Amsterdam, die „Kaserne Basel“ oder den „Performer Stammtisch“ in Berlin, die als Plattform oder Forum für aktuelle Performancekunst fungieren. Gründe genug, dem omnipräsenten Phänomen „Performance“ auch im Rahmen einer Diskussionsrunde am Ende der Ausstellung noch einmal näher auf den Grund zu gehen oder es ganz praxisnah im 2-tägigen Workshop zusammen mit der Künstlergruppe White Market zu erproben.